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Aus nach 90 Minuten: Internet schockt Deutschlands Prüfer
Tausende Informatiker müssen Prüfung wiederholen– Im Netz standen Lösungstipps


Chemnitz. Die Nacht war schrecklich gewesen. Büffeln, Nervenflattern, viel Rauchen, wenig Essen und kaum Schlaf, so beschrieben es viele Schüler am Morgen danach. Man kann die Symptome in einem Wort zusammenfassen: Prüfungsangst. Gestern vormittag sollte sie ein Ende haben. In der Chemnitzer Stadthalle traten 240 Umschüler und Lehrlinge an, um ihre Abschlussprüfung in einem von vier Informatik-Berufen abzulegen. Doch als der Stress beinahe zu Ende schien, fing der Ärger erst richtig an: Die Prüfung wurde abgebrochen, die Schüler mussten nach Hause gehen – 240 in Chemnitz, weitere 260 in Plauen und Zwickau, 1500 in Sachsen, rund 10.000 bundesweit. Der Grund: Die Prüfungsaufgaben waren im Internet veröffentlicht worden, eine deutschlandweite Mogelei ...

Schlaflose Nächte ohne Lohn

„Die ersten 90 Minuten waren um“, erzählt Jürgen Anke, ein Umschüler, der in der Stadthalle dabei war. „Dann trat eine Frau von der IHK aufs Podium, entschuldigte sich und schickte uns heim. Das war’s. Tagelang Prüfungsstress und dann so etwas. Das macht ärgerlich.“
Plötzlich standen die Schüler mit leeren Händen da. Die Zeit, die sie in die Vorbereitung gesteckt hatten, die Nervosität, die schlaflosen Nächte, alles für die Katz. Im Juni muss die Prüfung – mit neuen Aufgaben – nachgeholt werden. Die Zeit bis dahin hätten die Teilnehmer eigentlich für eine Projektarbeit benötigt, die für den Abschluss ebenfalls erforderlich ist. Nun wird es ganz eng. Ein paar Frauen weinten, als sie aus der Stadthalle geschickt wurden.

„Dieser Prüfungsabbruch ist nicht leicht zu verkraften“, zeigt Eva Glauch, Geschäftsführerin Bildung der Industrie- und Handelskammer Südwestsachsen, Verständnis. „Es tut mir Leid für die Betroffenen. Aber was hätten wir tun sollen?“ Auch Geerd Wortmann, der zuständige Abteilungsleiter beim Deutschen Industrie- und Handelstag, spricht davon, keine Wahl besessen zu haben: „Eine öffentlich-rechtliche Prüfung muss sauber bleiben. Hätten wir einfach weitergemacht und später hätte ein Prüfungsteilnehmer geklagt – er hätte vor jedem Verwaltungsgericht Recht bekommen. Die Prüfungen wären auf alle Fälle für ungültig erklärt worden.“

Was gestern in nahezu 80 Kammerbezirken passiert ist, war bislang ohne Beispiel: der bundesweite Abbruch einer IHK-Prüfung. „Dass Lösungen verraten wurden, das hat es auch früher schon gegeben“, sagt Wortmann. „Aber das war regional begrenzt. Das Internet hat dem Ganzen eine neue Dimension gegeben.“

Eine Dimension, die kaum zu über- blicken ist. So war der Zentralstelle für Prüfungsaufgaben in Nordrhein- Westfalen nur eine einzige Internetseite bekannt, auf der die Aufgaben für die Informatikerprüfungen genannt wurden. Diese Seite war den Schülern, mit denen die „Freie Presse“ das Thema diskutiert hat, neu. Aber die Betroffenen nannten drei weitere Adressen im Netz, unter denen die Aufgaben ebenfalls zu finden waren. Hinzu kamen Diskussionsforen, in welchen sich Informatikschüler aus ganz Deutschland über den Inhalt der bevorstehenden Prüfungen ausgetauscht haben, und zwar mindestens einen Tag vor der Prüfung.

Das klingt nach einer Menge Verräter, doch tatsächlich reicht eine einzige undichte Stelle. Im Internet verbreitet sich eine Information in Sekundenschnelle über den Globus. Außerdem: Eine Nachricht, die am Anfang nur auf einer Seite zu finden ist, wird ebenso rasch von anderen Homepage-Besitzern aufgegriffen. Das Internet verteilt Informationen schnell und streut sie breit, und der Urheber ist kaum noch zu ermitteln. „Wir wissen nicht, wer etwas verraten hat“, gesteht Geerd Wortmann vom Deutschen Industrie- und Handelstag. „An der Erarbeitung der Aufgaben waren viele Leute beteiligt.“

Wahrscheinlich hat es den klassischen Verräter, der Prüfungsunterlagen aus einem Büro geschmuggelt hat, überhaupt nicht gegeben. Die Macher der Website azubiworld.com berufen sich auf Hinweise von Lehrern und Mitgliedern der Prüfungsausschüsse in verschiedenen Internetforen, die man zusammengetragen habe: Eine wahre Fleißarbeit in Sachen Informations-Aufbereitung.



Nur ein Wink vom Lehrer?
Nach Meinung vieler Schüler haben die Handelskammern mit dem Abbruch der Prüfungen überreagiert. „Rekapitulieren wir, was wirklich geschehen ist“, zählt Sven Pötschke, einer der Betroffenen auf. „Im Netz standen die Schwerpunkte, die wahr- scheinlich bei der Prüfung drankom-men sollten, und es wurden mögliche Lösungswege skizziert. Trotzdem musstest du dir eine Platte machen. Wenn du den Stoff nicht kapiert hattest, warst du auch mit diesen Lösungen chancenlos.“ Seine Auffassung: Solche Tipps hat früher der Lehrer vor der Klassenarbeit erteilt, ohne dass es Mogeln genannt wurde.
Als in Chemnitz, Plauen und Zwickau gestern 500 Schüler über ihren Arbeiten brüteten, wussten die Verantwortlichen, dass sie die Prüflinge anderthalb Stunden später nach Hause schicken würden. Sie sagten nichts, bis Teil eins absolviert war. Eva Glauch: „Wir wollten die Leute nicht verrückt machen. Sie sollten den ersten Teil in Ruhe schreiben. Er ist gültig, weil diese Antworten nicht vorab veröffentlicht wurden.“

Quelle: Freie Presse Online, 16.05.2001



Pressemeldungen über Azubiworld.com
31.07.2001 - http://priv.homeip.net
31.07.2001 - YoungProfessional, Computerwoche Verlag GmbH
16.05.2001 - Kölner Stadtanzeiger
16.05.2001 - Freie Presse Online
16.05.2001 - Deutsche Welle (Radio)
16.05.2001 - Billiger-Surfen
15.05.2001 - Computerchannel
15.05.2001 - Computerwoche
15.05.2001 - Netzeitung
15.05.2001 - Clickfish.com


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